Wie sich unsere Beziehung zu Lebensmitteln für immer verändert hat

3 months ago

Die aktuelle Situation hat unseren Alltag grundlegend erschüttert. Wir erleben derzeit nicht nur fundamentale Veränderungen in der Lebensmittelindustrie, sondern auch in der Art und Weise, wie wir als Konsumenten Lebensmittel erleben und mit ihnen umgehen. Denn auch wenn Österreich das Land der Feinschmecker, Schnitzel und Sachertorte ist, haben wir in den vergangenen Jahren unsere Wertschätzung gegenüber Lebensmitteln leider stetig verloren.


DIE KRISE HÄLT UNS EINEN SPIEGEL VOR

Hand aufs Herz: Wir haben uns daran gewöhnt, auch dreißig Minuten vor Ladenschluss im Supermarkt oder in der Bäckerei volle Regale vorzufinden. Aufgrund der ständigen Verfügbarkeit kaufen und essen wir nur das, auf das wir in dem Moment Lust haben. Wir wissen, dass wir jederzeit in das nächste Geschäft oder das nächste Lokal zurückkehren können. Gleichzeitig geraten jene Lebensmittel, die auf uns zu Hause warten, schnell in Vergessenheit und landen zu oft im Müll.

Unsere Beziehung zu Essen ist in die Brüche gegangen. Oft wissen wir gar nicht, welche Ressourcen für unsere Mahlzeiten aufgebracht werden, wie sie zubereitet wurden oder wo die Zutaten eigentlich herkommen. Wir kaufen Weintrauben aus Südafrika und Himbeeren aus Peru ohne es zu merken. Zu selten greifen wir bewusst nach regionalem Obst oder Gemüse oder fragen uns bei der Wahl des Abendessens, was denn gerade Saison hat. Aufgrund dieses Überflusses sind Lebensmittel zu einem Gut geworden, dem wir nicht mehr den Respekt zollen, den es eigentlich verdient. So finden wir uns in Österreich in der Situation, in der ein Großteil der Lebensmittelverschwendung am Ende der Wertschöpfungskette, also in der Gastronomie, im Einzelhandel und bei uns zu Hause passiert.

DER TAG DER LEBENSMITTELVERSCHWENDUNG ALS ANLASS

Allgemein betrachtet ist der Wohlstand in unserer Gesellschaft gestiegen. Das hat unmittelbar zur Folge, dass wir schneller dazu tendieren, Lebensmittel zu verschwenden. So landet weltweit rund ein Drittel aller Lebensmittel im Müll. Anders gerechnet sind das sämtliche Lebensmittel, die in Österreich seit Jahresbeginn bis zum 2. Mai produziert wurden. Der Tag der Lebensmittelverschwendung hat das Ziel, genau auf diesen Missstand aufmerksam zu machen.

Im Zuge der aktuellen Krise merken wir jedoch wieder langsam, für wie selbstverständlich der unbegrenzte Zugang zu Lebensmittel für uns eigentlich geworden ist. Während alles um uns herum die Türen schloss, blieben lediglich Supermärkte und einige wenige Lokale übrig, um uns auf dem einen oder anderen Weg mit Essen zu versorgen. Und natürlich unsere eigenen Küchen.

Für manche von uns war es vielleicht sogar das erste Mal, dass sie sich an den Herd wagten. Aber für fast alle war es wahrscheinlich eine Neuheit, das gleich für drei Mahlzeiten täglich über Wochen hinweg zu tun.

So sind wir in der vergangenen Zeit kreativer und einfallsreicher geworden, haben unsere Kühl- und Vorratsschränke auf den Kopf gestellt und gemerkt, was wir eigentlich alles zu Hause haben und uns eine Mahlzeit nach der anderen gezaubert. Egal ob Schinkenbrot, Pasta oder pochierte Eier oder selbstgebackenes Brot - in vielerlei Hinsicht bieten uns unsere Mahlzeiten derzeit Lichtblicke, Beschäftigung und spenden auf viele Weisen Kraft. Und so beginnen wir wieder zu erkennen, welchen Respekt unsere Lebensmittel eigentlich verdient haben. Unsere Wertschätzung kehrt zurück.

NEUE GEWOHNHEITEN UND GREEN RECOVERY

Zweifellos gehen wir gerade durch sehr schwierige Zeiten. Gleichzeitig kann die jetzige Periode Auslöser dafür sein, neue Gewohnheiten im Umgang mit Lebensmitteln zu adaptieren. Unser Drang stets neue Wege zu finden, unsere Lebensmittel so effizient wie möglich zu verwerten und diese zu schätzen, sollte nicht mit dem Abklingen von Maßnahmen wieder verschwinden. Viel mehr könnte es der Funke sein, der uns dazu inspiriert, die Art und Weise wie wir Lebensmittel produzieren und konsumieren grundlegend zu überdenken. Laut einer aktuellen Studie des King’s College London geben 33% der Befragten an, seit Beginn der Krise weniger Essen wegzuwerfen. Das klingt ja schon mal gut.

Genau von diesem Umdenken profitiert letztlich nicht nur unsere eigene Geldbörse. Denn die Verschwendung von Lebensmitteln ist nicht nur ein ethisches Problem, sondern belastet die Wirtschaft und ist jedoch vor allem ein großer Faktor in der Klimakrise. Genau darum geht es an diesem 2. Mai und wir alle können einen wichtigen Beitrag leisten - jeden Tag. Das ist mitunter ein Grund, warum Too Good To Go als Teil der Green Recovery Alliance aktiv einen Beitrag dazu leisten möchte, dass der bevorstehende wirtschaftliche Wiederaufbau nicht die Klimakrise aus den Augen verliert und nachhaltiges Wirtschaften in den Fokus rückt. Deswegen retten wir nach wie vor Tag für Tag Essen.


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TIPPS, UM LEBENSMITTEL EFFIZIENT ZU VERWERTEN

  1. PLANUNG

Das klingt vielleicht etwas einfach, ist jedoch unglaublich effektiv. Konkret sieht das so aus: Bevor es losgeht zum Supermarkt, werden nochmals Kühl- und Vorratsschrank inspiziert. Nach der Bestandsaufnahme werden alle Mahlzeiten basierend auf dem geplant, was noch zu Hause ist. Die fehlenden Zutaten landen auf einer Einkaufsliste. So kauft man nur das, was man benötigt und verwertet auch jene Lebensmittel, die man noch zu Hause hat.

  1. ES ZÄHLEN DIE INNEREN WERTE

Ein Großteil unseres Obstes und Gemüses wird aufgrund seines Aussehen verschwendet. Umso wichtiger ist es, beim Einkauf nicht zu viel Wert auf Äußerlichkeiten zu legen und auch Produkte zu kaufen, die vielleicht etwas krummer sind oder die ein oder andere Delle vorweise. Denn das sagt nichts über die inneren Werte aus!

  1. MINDESTHALTBARKEITSDATEN

Mindesthaltbarkeitsdaten sind prinzipiell nicht mit dem Verbrauchsdatum gleichzusetzen. Vielmehr beziehen sie sich auf die Qualität des Produkts, also zum Beispiel der Cremigkeit eines Joghurts. Hier sollten wir uns wieder mehr auf unsere Sinne verlassen. Die Devise lautet: Sehen-Schmecken-Riechen. So erkennt man schnell, ob ein Produkt auch nach Überschreitung des Mindesthaltbarkeitsdatums noch essbar ist oder nicht.

  1. LAGERUNG

Damit Lebensmittel solange wie möglich frisch bleiben, ist die richtige Lagerung ausschlaggebend. Dazu gehören die richtige Temperatur im Kühlschrank (etwa 7 Grad) und die Beachtung der Lagerungshinweise auf Etiketten. Obst und Gemüse sollten zum Beispiel in den Laden des Kühlschranks verstaut werden. Gewisse Produkte wie Brot oder manche Obst- und Gemüsesorten wie Ananas oder Avocados haben relativ wenig im Kühlschrank verloren.

  1. WIEDERVERWERTEN

Man sollte sich das Leben nicht allzu schwer machen. Nicht jede Mahlzeit muss haubenverdächtig sein. Man kann aus seinen vorhandenen Vorräten oder Resten vom Vortag einfache Gerichte zaubern und die ein oder andere Zutat mit dem ersetzen, was man gerade zu Hause hat. Das geht vor allem bei Gemüse oder auch Bohnen und Linsen sowie Reis, Nudeln und Getreide sehr gut.

Georg Strasser